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Cheatcode #19: Ich roaste YouTube-Gurus
Zitat: "All overnight successes take about 10 years.”
Verschwendetes Potential
Es gibt kaum etwas, das mich trauriger macht als Gespräche mit Leuten, die offensichtlich Business interessiert sind, selbst etwas aufbauen wollen und mir dann eine Trading-Signal-Gruppe oder einen Dropshipping-Kurs zeigen, an dem sie gerade teilnehmen. Sie bringen die richtige Energie mit, laufen damit aber in die komplett falsche Richtung und direkt vor eine Wand.
Und es ist nicht so, dass ich mich nicht in deren Sicht hineinversetzen könnte. Ganz im Gegenteil: Als ich mich nach dem Abi Schritt für Schritt für Wirtschaft, Unternehmertum und Selbstständigkeit angefangen habe zu interessieren, waren meine ersten Kontaktpunkte leider ebenfalls von Gurus auf YouTube geprägt.
Von diesem grundlegenden Interesse aus hat es Jahre während meines Studiums gebraucht, bis ich ein differenzierteres Bild von Unternehmertum entwickeln konnte. Eines, das davon geprägt war zu verstehen, dass nachhaltiger Erfolg in der Regel auf realer Wertschöpfung beruht, dass es Jahre dauern kann, bis ein Unternehmen überhaupt eine reale Chance hat, erfolgreich zu werden, und dass der Großteil der einfachen Guru-Wahrheiten auf YouTube in der Realität wenig hilfreich ist.
Deshalb ist das hier meine persönliche Abrechnung mit den in dieser Szene besonders beliebten Geschäftsmodellen und meiner Einschätzung, welche davon kompletter Schrott sind und welche mit etwas Anpassung durchaus sinnvoll sein können.
Dropshipping
Dropshipping ist der erste Klassiker. Gemeint ist das Verkaufen von oft billigen Produkten ohne eigene Brand, mit direktem Fulfillment aus China. Die Dropshipper schalten Ads oder erstellen TikTok-Content. Wenn ein Produkt gekauft wird, wird es direkt beim Hersteller in China bestellt und von dort an den Käufer geschickt. Meist handelt es sich um billigen Plastikkram, den niemand wirklich braucht, verkauft an Impulskäufer zu überhöhten Preisen.
Der Vorteil des Modells liegt in den niedrigen Einstiegshürden. Es braucht kein Startkapital für Waren, keine eigene Produktion und damit auch kein Fachwissen. Der einzige Skill, den man lernen muss, ist das Verkaufen über Ads oder Content.
Das Problem, abgesehen davon, dass unnötiger Schrott verkauft wird, ist, dass sich damit kaum etwas Langfristiges aufbauen lässt. Stattdessen rennt man mit seinem Content ständig dem Algorithmus hinterher und sucht permanent nach neuen Produkten. Was heute ein paar Euro einbringt, funktioniert morgen schon nicht mehr. Erfolgreiche Dropshipper gibt es zwar, aber sie sind die absolute Ausnahme und haben lange gebraucht, um dieses Level zu erreichen. Und wenn man ohnehin schon viel Zeit investieren muss, warum dann nicht gleich in ein deutlich sinnvolleres Geschäftsmodell, bei dem man keinen Müll verkauft.
Aber nicht alle Hoffnung ist verloren. Es gibt sinnvolle Weiterentwicklungen dieses Modells, die deutlich vernünftiger sind. Vor allem der Schritt ins echte E-Commerce bietet sich an.
Das bedeutet, sich Zeit zu nehmen, ein Problem zu identifizieren, für das ein eigenes physisches Produkt eine sinnvolle Lösung bietet. Dieses sollte in guter Qualität hergestellt werden, beim Verkauf steht die Kundenzufriedenheit im Vordergrund und das Ziel ist der Aufbau einer langfristigen Marke. Klar ist das aufwendiger und dauert länger, aber vom Traum des schnellen Online-Reichtums sollten sich die meisten Leser hier hoffentlich ohnehin verabschiedet haben.
Trading
Mein Hauptproblem mit diesem Bereich ist zweigeteilt. Erstens entsteht keinerlei Mehrwert, zweitens lernt man keine Skills, die in anderen Bereichen wertvoll wären. Selbst der schlechteste Dropshipper versteht am Ende wenigstens Basics zu Ads, Landing Pages oder Content Creation. Alles Fähigkeiten, auf denen sich langfristig sinnvollere Projekte aufbauen lassen. Beim Trading: Fehlanzeige.
Gibt es hier trotzdem das Potenzial, schnell online große Summen zu machen? Ja. Aber wo gibt es das noch? Genau, beim Glücksspiel. Meine Theorie zum Trading ist, dass die Selbsteinschätzung vieler Leute sie so stark blendet, dass sie nicht erkennen, wie nah ihr Handeln am Gambling statt an seriösem Business liegt.
Und selbst wenn es in manchen Märkten wie Krypto oder Forex tatsächlich möglich sein sollte, mit diszipliniertem Vorgehen und klaren Strategien langfristig Gewinne zu erzielen (was ich persönlich für zumindest zweifelhaft halte), fehlt 99 Prozent der Leute die Fähigkeit, die Emotionen auszuschalten, diszipliniert zu bleiben und das Ganze sauber vom Glücksspiel zu trennen. So zeigt eine Studie der BaFin beispielhaft, dass 75 Prozent der Kleinanleger Verluste mit Turbo-Zertifikaten erlitten.
Meine Empfehlung: Entweder selbst möglichst schnell zu dieser Erkenntnis gelangen oder, wenn das nicht gelingt, die geplanten Trading-Strategien über sechs Monate konsequent ohne Geldeinsatz testen und danach ein ehrliches Fazit ziehen, ob es nicht vielleicht doch sinnvoller wäre, das Geld in ETFs mit 7 Prozent Rendite pro Jahr zu investieren und stattdessen etwas Sinnvolleres zu lernen.
Agentur
Dieses Modell ist nicht ganz so schwarz und weiß. Die grundsätzliche Idee, eine Dienstleistung anderen Unternehmen gegen Bezahlung anzubieten, ist nicht verkehrt. Viele Unternehmen können oder wollen nicht für jedes neue Projekt einen Mitarbeiter einstellen. Wenn es daher die Option gibt, dieses Projekt von externen Profis erledigen zu lassen, ist das für beide Seiten oft ein guter Deal. Typische Bereiche, in denen Agenturen üblicherweise unterwegs sind, sind zum Beispiel SEO, Ads, Social Media, Design, Branding, PR, E-Mail-Marketing, AI-Automation und Programmierung.
Das Problem liegt darin, wie dieses Modell von YouTube-Gurus beworben und umgesetzt wird. Denn hier werden mit teils fragwürdigen Vertriebsmethoden Projekte mit extrem hohen Upfront-Kosten verkauft. Die Anbieter sind dabei häufig alles andere als Experten in ihrem Bereich und kaum in der Lage, das gemachte Versprechen wirklich zufriedenstellend zu erfüllen. Das eigentliche Erbringen der Dienstleistung und damit die Wertschöpfung wird dann komplett an Dritte abgegeben. Das können günstige Freelancer sein, Remote Worker aus Indien oder andere Agenturen, die es billiger machen.
Der seriösere Ansatz ist, die Fähigkeit, die man verkaufen möchte, zunächst selbst zu erlernen. Der beste Weg dafür ist und bleibt ein Job in diesem Bereich, in dem man dann ja sogar fürs Lernen bezahlt wird. Im nächsten Schritt kann man diese Dienstleistung Unternehmen probeweise kostenlos oder erfolgsbasiert ohne Upfront-Kosten anbieten. Vorteil: Man lernt, ob man den versprochenen Mehrwert tatsächlich liefern kann. Außerdem entstehen erste zufriedene Kunden, die als Referenz dienen und einen an weitere Unternehmen weiterempfehlen können. Ab diesem Punkt kann man dann sinnvoll darüber nachdenken, im Rahmen einer Agentur die Erbringung dieser Dienstleistung auszuweiten.
Kernaussage
Vielleicht als generelles Fazit: Alle diese Modelle können zum Einstieg oder als Lernprojekt gewissen Mehrwert liefern. Bloß bitte keinen entsprechenden Kurs für ein paar tausend Euro kaufen. Im Optimalfall sollte man sich also schnell von diesen fehlerhaften Geschäftsmodellen lösen und einen langfristigen Ansatz wählen, der echten Mehrwert schafft und Kunden glücklich macht.
Das wenig überraschende Problem mit YouTube-Gurus: Diese Wahrheit klickt sich nicht so gut wie „In 30 Tagen online reich werden“. Außerdem würde wohl kaum jemand einen Kurs kaufen mit dem Titel „Wie ich mit 10 Jahren harter Arbeit echten Mehrwert schaffe und meine Kunden zufriedenstelle“.
Das war dein Cheatcode für diese Woche. Jetzt liegt’s an dir.
Hier findet ihr die vorherigen Beiträge.
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